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12 Jahre Joint Venture Hermes & TNT

TNT und die Hermes Europe GmbH (Hermes) betreiben seit 12 Jahren ein gemeinsames Joint Venture, den Briefdienstleister TNT Post GmbH & Co. KG. Nun ist das bisher scheinbar Unmögliche doch noch eingetreten: Die beiden Unternehmen wollen beim Vertrieb ihrer Produkte zusammenarbeiten.

Ein naheliegender Ansatz für dessen Realisierung die beiden Konzerne immerhin 12 Jahre Zusammenarbeit gebraucht haben. Offenbar setzen sich jetzt die Befürworter der Zusammenarbeit durch. Dabei kommen für diesen Strategiewechsel gleich mehrere Ursachen in Betracht:

1. Der Expressdienstleister TNT Express sollte bis vor wenigen Wochen durch UPS gekauft werden. Dies ist zwar zwischenzeitlich an der fehlenden Freigabe durch die EU-Kommission gescheitert, die Sparte steht jedoch weiterhin  zum Verkauf. Somit stehen Eigeninteressen von TNT auf dem deutschen Paketmarkt der Zusammenarbeit mit Hermes als Wettbewerber nicht mehr, wie früher, entgegen.

2. Die Unternehmen der Otto Gruppe, der Mutterkonzern von Hermes, werden im Versandhandel massiv durch die Onlineanbieter Amazon und Zalando angegriffen. Dadurch verschiebt sich das Marktgefüge nachhaltig. Bisherige Allianzen verlieren an Bedeutung, neue Allianzen sind gefragt.

So lässt der Otto Konzern bisher, trotz des Joint Ventures mit TNT im eigenen Haus, den Großteil seiner Kataloge über die Deutsche Post AG (DPAG) und nicht über TNT Post zustellen. Als einer der größten Versender in Deutschland stabilisiert Otto so das faktische Briefmonopol der Deutschen Post und entscheidet sich gegen Wettbewerb. In Zeiten des Internet schwindet die Bedeutung dieser „Katalog-Allianz“. Gleichzeitig verliert Otto im Versandhandelsgeschäft Marktanteile und schwächt damit auch die Pakettochter Hermes. Das kann nur mit neuen Paketsendungen von anderen Unternehmen aufgefangen werden.

So soll TNT Post auch die Produkte von Hermes verkaufen und damit neben Briefen auch den Paketversand an private Endkunden, die Direktzustellung von Paketen an einen der bundesweit 14.000 Hermes PaketShops, Nachnahmesendungen und Identitätsprüfungen anbieten. Im Gegenzug bietet Hermes seinen Geschäftskunden auch die Zustellung von Briefsendungen und Katalogen unter 1000g an. Insgesamt würden beide Unternehmen ihre Leistungsangebote gegenseitig vervollständigen. Mehr Wettbewerb mit der DPAG im Paket- und Briefmarkt wäre die Folge.

3. Der Marktanteil der Wettbewerber der Deutschen Post AG stagniert seit Jahren bei ca. 10% (vgl. etwa Bericht der BNetzA: „Lizenzpflichtige Briefdienstleistungen – Marktdaten 2008 – 2010“, S. 8). TNT Post und die angeschlossenen Postdienste benötigen Zusatzgeschäft, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Zusätzliche Kataloge und Warensendungen unter 1000 g aus der Kooperation mit Hermes können hier helfen.

4. Vor dem Hintergrund zurückgehender Erträge aus dem Briefgeschäft und daraus folgender umfangreicher Umstrukturierungen bei TNT Post in den Niederlanden steigt der Erfolgsdruck auf TNT Post in Deutschland.

5. Insgesamt hat sich die Situation der Wettbewerber der DPAG im Briefmarkt zum Jahreswechsel 2012/13 weiter verschärft:

  • Die DPAG hat sich an dem strategisch wichtigen Berliner Sortiermaschinen-Spezialist Compador Technologies beteiligt. Das Unternehmen ist für TNT Post und andere Wettbewerber der DPAG ein wichtiger Lieferant für Sortiertechnologie. Nach Aussage von TNT Post wird bezweifelt, dass „diese strategische Investition der DPAG zu einem fairen Wettbewerb im deutschen Briefmarkt beitragen wird“.
  • Gleichzeitig hat die BNetzA zum Jahresbeginn die Ermittlungen wegen angeblichen Preisdumpings der DPAG zu Ungunsten des Wettbewerbs mangels Beweisen eingestellt.
  • Die wettbewerbsfreundliche Novellierung des Postgesetzes lässt auf sich warten und es besteht das Risiko, dass sie in dieser Legislaturperiode nicht mehr kommt, nicht zuletzt, weil sie am Widerstand der SPD scheitern könnte.

Vor diesem Hintergrund bleibt zu hoffen, dass die strategische wichtige Entscheidung zur Zusammenarbeit zügig in die Praxis umgesetzt wird. Die Herausforderung besteht darin, die Vertriebsapparate für die jeweils neuen Produkte zu öffnen, sie erfolgreich zu verkaufen und die Prozessabläufe effizient zusammenzuschalten. Kulturunterschiede oder Abwicklungsprobleme haben schon manche strategische Zusammenarbeit scheitern lassen. Dass das nicht ganz einfach sein wird, diese Erfahrung machen die Postdienstverbünde Mail Alliance und P2 bei den seit Jahren andauernden Verhandlungen zur Zusammenarbeit.


Andreas Schumann
gründete mit der Öffnung des Postmonopols 1998 einen der ersten Stadtpostdienste in Deutschland. In dieser Zeit war er im Vorstand des Bundesverbandes der Kurier, Express- und Postdienste e. V. (BdKEP) sowie als Sprecher des Aktionsforums „Mehr Farbe im Postmarkt“ aktiv. Als ein Unternehmen der Fiege Logistik AG das Unternehmen übernahm, baute er einen der bundesweit größten und bis heute erfolgreich am Markt tätigen Briefdienste, den der Sächsischen Zeitung, „Postmodern“ in Dresden, auf. 2001 wechselte er zu EP Europost, heute TNT Post GmbH & Co. KG, nach Hannover. Dort hat er in verschiedenen Führungspositionen die Produkt- und Prozesslandschaft des Unternehmens maßgeblich geprägt und aufgebaut, zuletzt als Direktor Qualität. Im Rahmen dieser Tätigkeit hat sich Schumann ein umfassendes Netzwerk zu Entscheidern und Multiplikatoren in der Branche aufgebaut. Im April 2010 gründete er die internetPost AG und ist dort als Vorstand tätig. Das Unternehmen entwickelt und betreibt die Internetplattform SAFE-ADDRESS, über die Verbraucher ihre Kommunikation mit Unternehmen steuern können. Schumann schreibt regelmäßig im Blog www.safeaddress.wordpress.com.